[Chor- und Orgelforum]
Geschrieben von Michael K. am 20. September 2006 13:12:36
Ein Bonbon, mit
dem ich mein Christvesper-Publikum im vergangenen Jahr
„beglückt“ habe: die „Toccata im
romantischen Stil über ‘Tochter
Zion’“ des Zeitgenossen Willem van Twillert. Van
Twillert hat eine faszinierende Stilkopie einer
französisch-sinfonischen Toccata in der Traditionslinie Gigout
- Boellmann - Dubois geschrieben. Gebrochene 16-tel-Figuration in der
r.H., in die Spitzentöne das markante Händel-Thema
eingearbeitet, in der l.H. skandierende Akkordschläge in
Achteln, (zum Glück) eine ruhige, das Kopfmotiv imitierende
Pedalbewegung, ein spannungsvoller Modulationsplan, ein etwas
zurückgenommener Mittelteil, hymnischer Schluß und
brillante Coda – der Maestro compositore hat alles
aufgeboten, was das Genre hergibt. Herausgekommen ist eine
sprühende weihnachtliche „Wunderkerze“.
Allerdings muß man das Stück wirklich üben
- die technischen Anforderungen entsprechen im Manualpart durchaus
denen eines Allegrosatzes in Bachs Triosonaten. Hinzu kommt,
daß beide Hände - wie in der frz. Sinfonik
üblich - sehr hoch geführt werden. Also nur was
für Leute mit sehr solider Basistechnik - wenn’s
denn wirklich Freude machen soll. Vor der Reprise hat der Komponist
dankenswerterweise eine Abbruchkadenz eingebaut. Aber wenn entsprechend
feurig gespielt wird, hören die Leute gern bis zum
Schluß zu. Erschienen ist das Werk bei Butz, St. Augustin,
als BU 1891.
CD Nun danket alle Gott Joachim Frisius: Choralbearbeitungen vanuit http://www.musikmanufaktur.com
1. Nun danket alle Gott (EG 321, LB 44)
2. Wie herrlich gibst du, Herr, dich zu erkennen (EG 271, LB Psalm 8)
3. Wie lieblich schön, Herr Zebaoth (EG 282, LB Psalm 84)
4. Nun danket all und bringet Ehr (EG 322, LB 63)
5. Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich (EG
351, LB 90)
6. Macht hoch die Tür (EG 1, LB 120)
7. Lobt Gott. ihr Christen alle gleich (EG 27, LB 147)
8. Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen (EG 81, LB 181)
9. Jesu, geh voran (EG 391, LB 442)
10. Großer Gott, wir loben dich (EG 331, LB 444)
11. In dir ist Freude (EG 398, LB 477)
12. Lobet den Herren alle, die ihn ehren (EG 447)
13. Geh aus, mein Herz, und suche Freud (EG 503)
14. Die beste Zeit im Jahr ist mein (EG 319)
15. Wie lieblich ist der Maien (EG 501)
16. Herzlich tut mich erfreuen (EG 148, LB 288)
17. Morgenglanz der Ewigkeit (EG 450, LB 289)
18. Lobe den Herren, den mächtigen König (EG 316, LB
434)
EG: Evangelisches Gesangbuch, LB: Liedboek voor de Kerken
Nr. 1 - 12: Gespeeld door/gespielt von Willem van Twillert
Nr. 13 - 18: Gespielt von/gespeeld door Joachim Frisius
Aus dem Text:
Die mit dieser CD vorgestellten Choralbearbeitungen basieren durchweg
auf Improvisationen, die für den Gebrauch im Gottesdienst
vorbereitet und später schriftlich ausgearbeitet wurden. Als
formale Orientierung diente in den meisten Fällen die
Anleitung, „ein gutes, zwekmäßiges
Vorspiel zu machen“,welche D. G. Türk in seiner
Abhandlung „Über die wichtigsten Pflichten eines
Organisten“ (Halle, 1787) gegeben hat. Die Gattung des
Vorspiels „mit eingewebter Melodie des Chorals (der canto
firmo) beschrieb er folgendermaßen: ... Die Einrichtung davon ist ungefehr diese. Zuerst wählt man
einen, dem Inhalt des Liedes gemäßen Hauptsatz
(thema), welcher gleichsam den Eingang ausmacht. Ist dieser, nebst
einigen kurzen Zwischensätzen, eine Zeitlang
durchgeführt worden, so spielt man die erste Zeile der
Choralmelodie auf einem anderen, etwas stärkerem Klavier, ganz
langsam; (...) indeß wird der Hauptsatz, oder wenigstens ein
ähnlicher, in den begleitenden Stimmen fortgeführt;
hierauf folgt wieder ein kleiner Zwischensatz; alsdenn die zweyte Zeile
der Melodie u.s.w. Am Ende schließt man mit dem Thema selbst,
oder mit einem ähnlichen Nebensatze.
Joachim Frisius, geboren 1933, studierte in den fünfziger
Jahren Physik in Göttingen und versah nebenher das Amt des
Organisten der Evangelischen Studentengemeinde. Nach Abschluß
des Studiums Anfang der sechziger Jahre folgte eine längere
Periode wissenschaftlicher Tätigkeit. Ende der siebziger Jahre
konnte er sich der praktischen Musikausübung wieder zuwenden
und erlernte zunächst unter der Anleitung des Cembalisten
Gerhard Kastner die Grundlagen des Generalbaßspiels. Wenig
später konnte er auch das Orgelspiel wieder aufnehmen und
befaßte sich - angeregt durch das Erlebnis von
Improvisationen des Weimarer Stadtorganisten Johannes Ernst
Köhler - schwerpunktmäßig mit der
choralgebundenen Improvisation im Generalbaßstil,
-zunächst als Autodidakt, späterhin
unterstützt durch vereinzelte Unterweisungen seitens J. E.
Köhlers, durch Kurse bei William Porter und Klaas Bolt, und
schließlich durch die Zusammenarbeit mit Willem van Twillert.
Seit seiner Pensionierung im Jahre 1998 arbeitet er ehrenamtlich als
Organist der Evangelischen Johannes-Kirchengemeinde in
Berlin-Lichterfelde.
Willem van Twillert, geboren 1952, studierte am
Sweelinck-Konservatorium in Amsterdam bei Piet Kee (Orgel) und Willem
Brons (Klavier). Im Jahre 1976 erwarb er das Kirchenmusiker-Diplom und
erreichte als erster Niederländer das Finale des
„Grand Prix de Chartres“. Sein Konzertreife-Examen
bestand er 1978. Danach ermöglichte ihm ein Stipendium
spezielle Studien auf dem Gebiet der Alten Musik, und zwar bei Gustav
Leonhardt, Orgel, Anneke Uitenbosch, Cembalo, und Klaas Bolt,
Orgel-Improvisation. Willem van Twillert hat zahlreiche Psalm- und
Choralbearbeitungen geschrieben, die in den Niederlanden sowohl im
Druck als auch eingespielt auf CD erschienen sind. Durch Konzerte in
den Niederlanden, in den USA, in Italien und in der Bundesrepublik
Deutschland, sowie durch zahlreiche weitere, originelle CD-Aufnahmen
mit selten gespielten Orgelwerken ist Willem van Twillert über
die Grenzen der Niederlande hinaus bekannt geworden. Als
Kirchenorganist versieht er regelmäßig die
Gottesdienste eines Verbandes dreier reformierter Kirchengemeinden in
Amersfoort. Den zahlreichen „orgelliefhebbers“ in
den Niederlanden ist er als einer der Redakteure der monatlich
erscheinenden Zeitschrift „De Orgelvriend“
wohlbekannt. Willem van Twillert ist Leiter einer privaten Musikschule
in Bunschoten.
Gesamtspielzeit: 63:10
Booklet 16 Seiten, mit ausführlichem Text, 4 Fotos, 1
Zeichnung, Text deutsch und niederländisch.
Preis: € 12,-